Spielerische Bildung gegen eine vernachlässigte Krankheit
Das klassische Brettspiel „Chutes & Ladders“, in Deutschland als „Leiterlispiel“ oder „Schlangen und Leitern“ bekannt, hat in Nigeria eine neue, bildungsrelevante Version erhalten: „Schisto & Ladders“. Dieses Spiel wird gezielt in Grundschulen in Regionen Nigerias eingeführt, die stark von der vernachlässigten Tropenkrankheit Schistosomiasis betroffen sind. Ziel ist es, Kindern auf interaktive Weise beizubringen, wie sie einer Infektion mit den parasitären Würmern vorbeugen können und welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt, falls sie erkranken.
Schistosomiasis, auch Bilharziose genannt, ist eine durch Parasiten verursachte Infektion, die über Hautkontakt mit verseuchtem Wasser übertragen wird. Die Krankheit, lokal oft als „Atosi Aja“ oder „Blutiger Urin“ bezeichnet, manifestiert sich kurzfristig durch Symptome wie Fieber, Hautausschlag und Blut im Urin. Bleibt sie unbehandelt, kann sie jedoch schwerwiegende Langzeitfolgen wie Organschäden, neurologische Probleme, Unfruchtbarkeit und sogar Blasenkrebs verursachen. In Nigeria wird sie mit einer erhöhten Rate von Blasenkrebs bei jungen Menschen in Verbindung gebracht.
Die Herausforderung der Schistosomiasis
Mit über 200 Millionen Fällen allein in Subsahara-Afrika stellt Schistosomiasis eine erhebliche Belastung für verarmte Gemeinden dar. Sie wird als vernachlässigte Tropenkrankheit eingestuft, was auf den Mangel an Forschungsgeldern und effektiven Bekämpfungsstrategien hinweist. Schulkinder sind besonders gefährdet, da sie oft in Gewässern spielen und ihr Immunsystem noch nicht vollständig entwickelt ist. Trotz der Existenz wirksamer Medikamente wie Praziquantel bleibt die Krankheit in Gebieten mit eingeschränktem Zugang zu sauberem Wasser, Tests und Behandlungen sowie mangelndem Bewusstsein für die Übertragungswege ein hartnäckiges Problem. Schon ein einfacher Kontakt mit infiziertem Wasser kann zu einer Ansteckung führen, da mikroskopisch kleine Larven durch die Haut eindringen können.
„Schisto & Ladders“: Ein Lernwerkzeug
Das im Jahr 2014 von einem Team unter der Leitung von Professor Uwem Ekpo von der Akwa Ibom State University entwickelte Spiel „Schisto & Ladders“ folgt dem bekannten Spielprinzip: Man würfelt und bewegt seine Figur entlang eines gewundenen Pfades. Positive Aktionen oder Kenntnisse führen die Spieler eine „Leiter“ hinauf, während Risikoverhalten oder Krankheitssymptome sie eine „Schisto-Wurm“-Rutsche hinuntergleiten lassen. Ein Feld wie „Spielen im Fluss“ kann beispielsweise dazu führen, dass die Spielfigur einen Wurm hinunterrutscht, was das Risiko einer Infektion symbolisiert.
Die nigerianische Forscherin und Pädagogin Cynthia Umunnakwe, eine der Entwicklerinnen des Spiels, erklärt, dass Kinder „die Leiter hinaufsteigen, wenn sie im Spiel ein gutes Verhalten zeigen, das Schistosomiasis vorbeugen würde.“ Dazu gehören Aktionen wie „Praziquantel in der Schule einnehmen“ oder „Vegetation um einen Fluss herum entfernen“, da die Entfernung invasiver Pflanzen die Lebensbedingungen für die Schneckenwirte des Parasiten verschlechtert.
Das Spiel visualisiert auch zentrale Übertragungswege. Ein Feld wie „Wasser aus einem Bach holen“ zeigt ein Kind am Flussufer, von dem ein Schistosom-Wurm bis zum Feld „Aufgeblähter Bauch“ reicht, das eine Komplikation der Krankheit darstellt. „Defäkieren in Flussnähe“ lässt die Spielfigur weit zurückfallen und landet auf dem Feld „Infektion verbreiten“. Diese Darstellungen verdeutlichen zwei entscheidende Ansatzpunkte, um den Lebenszyklus des Parasiten zu unterbrechen: Die Vermeidung der Infektion von Menschen im Larvenstadium durch Wasserkontakt und die Verhinderung der Verbreitung des Parasiten ins Flusswasser durch menschliche Ausscheidungen, die Schnecken erneut infizieren könnten.
Erfolge und zukünftige Hoffnungen
Im Juli 2025 besuchte Cynthia Umunnakwe ein Schulhaus im Dorf Apojola, wo sie Kindern „Schisto & Ladders“ beibrachte. Diese Initiative war Teil eines Programms des Gesundheitsministeriums, das auch Urintests und Behandlungen für Betroffene umfasste. In dieser Region des Bundesstaates Ogun wurde bei einem Drittel der Bewohner, die in einer Urintestklinik untersucht wurden, eine aktive Schistosomiasis-Infektion festgestellt. Die Krankheit ist in diesen ländlichen Fischerdörfern weit verbreitet, wo die Bewohner für ihren Alltag auf Süßwasser angewiesen sind, sei es zum Wäschewaschen, Fischen oder zur Zubereitung von Maniokwurzeln.
Die Aktivitäten umfassten nicht nur das Spiel, sondern auch praktische Bildung: Umunnakwe brachte lebende Schnecken mit, damit die Kinder die Wirte des Parasiten erkennen konnten. Parallel dazu boten Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums in einem benachbarten Schulhaus allen Kindern das orale Medikament Praziquantel an. Die Verabreichung erfolgte nach Körpergröße, und die Kinder erhielten Snacks, da die Einnahme auf nüchternen Magen zu Magenbeschwerden führen kann.
Umunnakwes frühere Forschung, die in „International Health“ veröffentlicht wurde, belegt den Erfolg des Spiels. In einer sechsmonatigen Studie mit 275 Schülern aus sechs Schulen im ländlichen Ogun State, in denen Praziquantel zuvor aufgrund falscher Gerüchte abgelehnt worden war, hatte vor dem Spielen des Spiels kein einziges Kind von dem Medikament gehört. Nach der Spielphase kannten jedoch mehr als zwei Drittel der Schüler das Medikament und verstanden, dass es sicher war. 65% der Kinder meldeten sich mit elterlicher Erlaubnis zur Behandlung an.
„Wir hoffen, dass die Schulkinder durch das Spielen dieses Spiels das erworbene Wissen tatsächlich in eine Verhaltensänderung umsetzen werden“, so Umunnakwe. Und nicht nur das: Die Kinder haben auch Spaß dabei. Ein Junge, der das Spiel gewann und das Endfeld „Schisto-freies Kind“ erreichte, rief begeistert: „Hey, wò ó, mo wà lókè!“ – „Hey, schau, ich bin oben!“ Dies zeigt, wie spielerische Ansätze effektiv zur Gesundheitsbildung beitragen und positive Veränderungen in gefährdeten Gemeinschaften bewirken können.
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