Erhöhtes Ertrinkungsrisiko bei Kindern mit Autismus

Kinder mit Autismus zeigen oft eine besondere Anziehungskraft zum Wasser. Die sensorischen Eindrücke – das Gefühl des Wassers auf der Haut, der Druck und das Glitzern – können beruhigend wirken und ein Gefühl des Wohlbefindens hervorrufen. Diese Faszination birgt jedoch ein erhebliches Sicherheitsrisiko, insbesondere in einer Region wie Florida, die von zahlreichen Gewässern durchzogen ist. Eine Studie der Columbia University aus dem Jahr 2017 stellte fest, dass Kinder mit Autismus ein 160-fach höheres Risiko haben, durch Ertrinken zu sterben, als andere Kinder.

Ein Hauptgrund für diese erhöhte Gefahr ist die Tendenz vieler autistischer Kinder, aus sicheren Umgebungen wegzulaufen. Etwa die Hälfte der autistischen Kinder neigt zum „Eloping“, also dem plötzlichen Weglaufen. In Kombination mit ihrer Affinität zu Wasserflächen wie Teichen, Seen oder den in Florida weit verbreiteten privaten Pools entsteht eine gefährliche Situation. Dies macht präventive Maßnahmen und gezielte Schwimmausbildung unerlässlich, um die Sicherheit dieser Kinder zu gewährleisten.

Floridas Antwort: Ein erweitertes Gutscheinprogramm

Um dieser tragischen Realität entgegenzuwirken, hat der Bundesstaat Florida ein Gutscheinprogramm für Schwimmkurse erweitert. Ab dem 1. Juli erhalten Kinder mit Autismus im Alter von 1 bis 7 Jahren Vorrang beim Zugang zu subventionierten Schwimmkursen. Dieses Programm, das durch eine parteiübergreifende Gesetzesinitiative ermöglicht wurde, soll dazu beitragen, die hohen Ertrinkungsraten im Bundesstaat zu senken. Florida verzeichnet eine der höchsten Ertrinkungsraten bei Kindern landesweit.

Vertreterin Anna Eskamani, eine Demokratin und eine der Initiatorinnen des Gesetzes, betont die Dringlichkeit der Maßnahme: „Wir haben tragische Umstände und Geschichten im ganzen Bundesstaat Florida von kleinen Kindern mit Autismus, die weglaufen, die aus ihren Häusern, aus ihren Klassenzimmern entweichen.“ Sie fügt hinzu, dass diese Tragödien vermeidbar wären, wenn Kinder frühzeitig Zugang zu Schwimmunterricht und Präventionsmaßnahmen hätten. Der Gutschein deckt in der Regel Kosten von etwa 200 US-Dollar ab und ermöglicht bis zu acht Schwimmstunden.

Der „Ganzheitliche Ansatz“ des YMCA Swim Buddies Programms

Ein Beispiel für ein erfolgreiches Programm ist „Swim Buddies“ des YMCA of South Florida. Dieses kostengünstige Angebot richtet sich speziell an Kinder mit Behinderungen, wobei über 60 Prozent der Teilnehmer eine Autismus-Diagnose haben. Alison Bregman-Rodriguez, Vizepräsidentin des YMCA of South Florida, unterstreicht die Bedeutung des Programms, das nicht nur Schwimmfähigkeiten vermittelt, sondern auch ein Gefühl der Zugehörigkeit schafft.

Garland Jones, eine Erholungstherapeutin und leitende Programmdirektorin des YMCA, leitet das Programm. Sie und ihr Team setzen auf einen „ganzheitlichen Ansatz“, der nicht nur die körperliche, sondern auch die emotionale und soziale Entwicklung der Kinder berücksichtigt. Geduld und individuelle Betreuung sind dabei entscheidend. Die Trainer werden umfassend geschult, um auf die spezifischen Bedürfnisse jedes Kindes einzugehen. Dies beinhaltet die Verwendung von Spielzeug als positive Verstärkung und zur Ablenkung sowie die Anpassung der Lehrmethoden an die individuellen Ängste und Vorlieben der Kinder.

Die Kurse beginnen oft mit Gruppen-Einführungen, um Vertrauen zwischen den Kindern und den Lehrern aufzubauen und die soziale Interaktion zu fördern. Anschließend erfolgt der Unterricht meist in Einzelseinheiten, um eine maximale Sicherheit und individuelle Förderung zu gewährleisten. Die Trainer bleiben stets in Armeslänge Distanz zu den Schwimmern, um im Falle eines plötzlichen Weglaufens sofort eingreifen zu können.

Forschung bestätigt den Erfolg

Tania Santiago Perez, Professorin an der Florida International University, erforscht die Wirksamkeit von Schwimmunterricht für Kinder mit Autismus, unter anderem in Zusammenarbeit mit dem YMCA. Ihre Forschung zeigt, dass bereits nach fünf bis sechs Sitzungen signifikante Verbesserungen der Schwimmfähigkeiten erzielt werden können. „Die Tatsache, dass wir sehen konnten, dass sie in fünf oder sechs Sitzungen ihre Schwimmfähigkeiten verbessern können, ist für uns sehr aussagekräftig“, so Santiago Perez.

Die Beobachtung von Kindern wie Mackenzie Wesley, die dank des Programms ihre Angst vor dem Untertauchen überwindet und sich im Wasser sicherer fühlt, bestätigt den Wert dieser spezialisierten Kurse. Mackenzies Eltern berichten, dass sie nach den Kursen viel selbstbewusster im Wasser ist und sogar ihre erste Poolparty genießen konnte.

Herausforderungen und Bedarf an qualifizierten Ausbildern

Trotz der Erfolge und des erweiterten Gutscheinprogramms gibt es weiterhin Herausforderungen. Die Nachfrage nach spezialisierten Schwimmkursen übersteigt das Angebot erheblich. Das YMCA of South Florida ist mit Anfragen überhäuft, und Garland Jones weist auf den Mangel an qualifizierten Ausbildern hin, die im Umgang mit Kindern mit besonderen Bedürfnissen geschult sind. „Man hat Leute, die beißen, spucken, kratzen werden, solche Dinge“, sagt Jones. „Ich denke einfach, wir brauchen mehr Personen, die im Umgang mit Menschen mit besonderen Bedürfnissen geschult sind, damit sie erfolgreich sein können.“

Viele Eltern von Kindern mit Autismus sind zudem finanziell stark belastet durch Therapien und andere Unterstützungsleistungen. Daher sind subventionierte Programme wie das Schwimmkurs-Gutscheinprogramm von entscheidender Bedeutung. Augusto Sandino, dessen Sohn David am Swim Buddies Programm teilnimmt, betont: „Leute, die keine Kinder im Spektrum haben, bedenken nicht, dass wir bereits viel für Dinge wie Verhaltenstherapie, Sprach- und Ergotherapie bezahlen.“

Die Sorge besteht, dass das Gutscheinprogramm zwar die Nachfrage steigert, aber nicht ausreichend Kapazitäten geschaffen werden, um diese zu decken. Im ersten Jahr des Programms erhielten nur etwa ein Drittel der Familien, die Gutscheine beantragten, diese tatsächlich. Es bleibt abzuwarten, wie das Florida Department of Health die Umsetzung der Änderungen gestalten und wie viele Gutscheine verfügbar sein werden, um die Lücke zwischen Bedarf und Angebot zu schließen und die Sicherheit von Kindern mit Autismus am und im Wasser nachhaltig zu verbessern.

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