Verheerende Auswirkungen der Erdbeben auf Venezuela
Am 24. Juni wurde Venezuela von zwei schweren Erdbeben erschüttert, die eine Spur der Zerstörung hinterließen. Die Katastrophe forderte mindestens 3.535 Todesopfer und Tausende weitere Vermisste, während rund 16.700 Menschen Verletzungen erlitten. Die Hoffnung, Überlebende aus den Trümmern zu bergen, schwindet zunehmend. Etwa 18.000 Menschen wurden obdachlos, was die medizinische Versorgung vor zusätzliche Schwierigkeiten stellt. Luz Noguera, eine 36-jährige Überlebende, schildert die panischen Momente des ersten Bebens. Sie rannte aus dem Haus, besorgt um ihre Kinder und Familie. Die Nacht verbrachte sie im Freien, da Strom- und Mobilfunknetze zusammengebrochen waren. Ihre Asthmamedikamente blieben unerreichbar in ihrer Wohnung zurück.
Gesundheitliche Notlage und die Rolle internationaler Hilfe
Die Vertriebenen sind nun einer Reihe von gesundheitlichen Problemen ausgesetzt, die durch die Exposition gegenüber Hitze, Regen und Staub verschärft werden. Dr. Eduardo Celades, ein leitender Gesundheitsberater von UNICEF, berichtet von einem Anstieg von Durchfallerkrankungen, Atemwegsinfektionen und Hautkrankheiten. Dehydration, Sonnenbrand und Asthmaanfälle sind ebenfalls häufige Beschwerden, insbesondere da viele keinen Zugang mehr zu ihren Medikamenten, regelmäßigen Mahlzeiten oder sauberem Wasser haben. Celades warnt zudem vor dem Risiko von Ausbrüchen ansteckender Krankheiten wie Masern. Drei Krankenhäuser erlitten schwere strukturelle Schäden und sind nicht mehr funktionsfähig, während mehrere andere nur eingeschränkt arbeiten können. Auch medizinisches Personal ist unter den Opfern, wie Ian Clarke, Incident Manager für die Gesundheitsnotfallreaktion der WHO in Venezuela, berichtet. Eine leitende Mitarbeiterin eines Mutterschaftsprogramms wird beispielsweise vermisst und gilt als verschollen.
Internationale Hilfsorganisationen haben schnell reagiert. Samaritan's Purse hat ein Feldlazarett mit 56 Betten, Intensivstationen und Operationssälen eingerichtet. Project Hope betreibt eine mobile Klinik in einem der am stärksten betroffenen Gebiete, die Grundversorgung und Ultraschalluntersuchungen für schwangere Frauen anbietet. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) lieferte sechs Tonnen medizinischer Güter, weitere 28 Tonnen sind auf dem Weg. Dazu gehören Trauma-Kits, persönliche Schutzausrüstung und Verbrauchsmaterialien zur Prävention übertragbarer Krankheiten. Die Regierungen Chiles und Brasiliens spenden Impfstoffe gegen Tetanus, Diphtherie und Gelbfieber. Die Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften entsandte 36 Tonnen Hilfsgüter, darunter Hygiene-Kits, Reinigungsmittel und Wasserfilter.
Ein fragiles Gesundheitssystem vor der Katastrophe
Die Erdbeben trafen ein Gesundheitssystem, das bereits vor der Katastrophe stark angeschlagen war. Ian Clarke von der WHO weist darauf hin, dass es schon vor den Beben in vielen Krankenhäusern massive Engpässe bei bis zu 37% der essentiellen Medikamente gab. Unter der Regierung des ehemaligen Präsidenten Nicolás Maduro führte die venezolanische Wirtschaftskrise, geprägt von Hyperinflation und Ölsanktionen, zu einem Verfall der medizinischen Infrastruktur. Medizinische Güter wurden knapp, Impfraten sanken, und Fälle von Masern, Diphtherie und Malaria nahmen zu. Viele Venezolaner, darunter etwa ein Drittel der Ärzte des Landes, emigrierten. Das einst robuste öffentliche Gesundheitssystem war somit schlecht auf eine Katastrophe dieses Ausmaßes vorbereitet. Alejandro Arrieta, ein Gesundheitsökonom an der Florida International University, erklärt, dass die Situation durch die bereits bestehenden Probleme in der Krise noch verschärft wird.
Selbst unter normalen Umständen müssen Patienten in Venezuela oft ihre eigenen medizinischen Verbrauchsmaterialien in Apotheken und Geschäften kaufen. Dieses Problem verschärft sich in einer Krisensituation, da es zu Preissteigerungen und Lieferengpässen kommt. Luz Noguera und ihre Familie, die zwei Wochen in einem provisorischen Lager in der Nähe des zerstörten Hauses ihrer Schwester verbrachten, erlebten dies am eigenen Leib. Sie brauchte dringend ihre Asthmamedikamente. Über ihren Neffen gelang es ihr, Kontakt zu einer Bildungsorganisation aufzunehmen, die sich an der Erdbebenhilfe beteiligte. Nicolle Giraud, die das E-VEN-Projekt leitet, schildert den Wettlauf gegen die Zeit, um die benötigten Medikamente zu beschaffen. Sie nutzten WhatsApp-Gruppen, um in anderen Städten nach den Medikamenten zu suchen, da Apotheken entweder ausverkauft waren oder überhöhte Preise verlangten.
Solidarität und der Geist der Widerstandsfähigkeit
Schließlich fand ein Freiwilliger des Projekts die Medikamente und lieferte sie persönlich an Noguera, zusammen mit Zelten und anderen Hilfsgütern. Giraud betont, dass es die alltäglichen Menschen sind, die die Lücken füllen, obwohl die medizinischen Fachkräfte ihr Bestes geben. Ein venezolanisches Sprichwort besagt: „Los buenos somos más“ – die Guten sind in der Mehrheit. Luz Noguera und ihre Familie sind nun in Sicherheit. Sie fühlt sich, als hätte sie eine zweite Chance im Leben bekommen, und hofft, dass sich die Lage stabilisiert. Trotz der anhaltenden Nachbeben und der schwierigen Lebensbedingungen in provisorischen Unterkünften, oft ohne Zelte, bleibt der Geist der Widerstandsfähigkeit in der Bevölkerung stark.
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