Einleitung: Die Herausforderungen für internationale Künstler
Die Vereinigten Staaten galten lange als ein Mekka für Künstler aus aller Welt, die dort ihr Talent präsentieren und ein breites Publikum erreichen wollten. Doch in den letzten Jahren hat sich die Situation drastisch verändert. Was viele amerikanische Konzertbesucher nicht wissen, ist der immense bürokratische Aufwand, der vor einer einzigen Aufführung eines internationalen Künstlers in den USA betrieben werden muss. Dieser Prozess, der einst bereits komplex war, ist nun durch längere Bearbeitungszeiten, höhere Kosten und eine erhöhte Unsicherheit gekennzeichnet, was viele Künstler dazu veranlasst, ihre Pläne für US-Tourneen zu überdenken oder sogar ganz aufzugeben.
Der komplizierte Visaprozess
Bevor ein internationaler Musiker, Maler, Tänzer oder Komiker die Bühne in den USA betreten kann, muss eine umfangreiche Petition im Namen des Künstlers bei der US-Regierung eingereicht werden. Diese Petition kann Hunderte von Seiten umfassen und erfordert eine Fülle von Dokumenten, darunter Presseausschnitte, Auszeichnungen, Empfehlungsschreiben anderer Künstler, Verträge mit Veranstaltungsorten und detaillierte Tourpläne. All dies dient dem Nachweis der künstlerischen Leistungen und der Legitimität der Absichten.
Ein Beispiel hierfür ist die schwedische A-cappella-Gruppe Kongero, die ihre zweite US-Tournee im vergangenen Herbst absolvierte. Ihr Buchungsagent musste die gesamte Dokumentation zusammenstellen, um eine P-3-Visumspetition einzureichen, die für kulturell einzigartige Künstler gedacht ist. Nach der Genehmigung dieser Petition durch die US-Staatsbürgerschafts- und Einwanderungsbehörde (USCIS) musste jedes einzelne Mitglied der Gruppe ein separates Visum-Interview bei einem US-Konsulat in ihrem Heimatland absolvieren.
Verlängerte Wartezeiten und steigende Kosten
Historisch gesehen dauerte die Bearbeitung von Nichteinwanderungsvisa für Künstler etwa zwei bis vier Monate. Diese Zeiten haben sich jedoch erheblich verlängert, zunächst durch den pandemiebedingten Rückstau und später durch eine verschärfte Einwanderungspolitik. Laut Zelo Safi, einem leitenden Anwalt der Artistic Freedom Initiative, können Visa jederzeit erneut überprüft oder zurückgehalten werden, insbesondere bei Änderungen der Einwanderungspolitik. Aktuell beträgt die durchschnittliche Bearbeitungszeit für eine P-Visumspetition wie die von Kongero etwa elfeinhalb Monate. Für O-1-Visumspetitionen, die für Künstler mit „außergewöhnlichen Fähigkeiten“ vorgesehen sind, kann es sogar über ein Jahr dauern. Das Problem hierbei ist, dass Petitionen für O-Visa nicht mehr als ein Jahr im Voraus angenommen werden, was die Planung für Künstler extrem erschwert.
Für Künstler, die nicht ein Jahr oder länger warten können – was die Mehrheit ist –, bleibt oft nur die Option der „Premium Processing“-Option. Diese ermöglicht eine schnellere Bearbeitung gegen eine zusätzliche Gebühr von 2.965 US-Dollar pro Petition. Diese Gebühr ist in den letzten Monaten gestiegen und wird von Einwanderungsanwälten als faktisch obligatorisch angesehen, um geplante Tourdaten einhalten zu können. Kongero nutzte diese Option, erhielt aber dennoch nur eine zweimonatige Einreiseerlaubnis statt der beantragten einjährigen, was zur Absage geplanter Auftritte führte.
Das Interview und die letzte Hürde an der Grenze
Nach der Genehmigung der Petition muss jeder Künstler ein persönliches Visum-Interview bei einem US-Konsulat in seinem Heimatland absolvieren. Aufgrund aktueller Rückstände können diese Interviews Monate im Voraus geplant werden und dürfen nicht versäumt werden. Emma Björling, ein Mitglied von Kongero, verpasste die erste Woche einer zweimonatigen US-Tournee, weil sie nach Schweden zurückfliegen musste, um ein neu eingeführtes, obligatorisches persönliches Interview zu absolvieren, während sie bereits mit einer anderen Gruppe in Kanada tourte.
Selbst wenn alle Papiere genehmigt, Interviews absolviert und Gebühren bezahlt sind, wartet eine letzte Hürde: die Einreise in die USA. Die Grenzschutzbeamten (CBP) haben die letzte Entscheidungsgewalt an den Einreisepunkten. Dies führt zu einer neuen Ebene der Unvorhersehbarkeit, wie der Fall des Komikers Alaa Shehada zeigt. Obwohl er ein gültiges O-1B-Visum besaß und bereits zweimal zuvor in den USA aufgetreten war, wurde er bei seiner Ankunft am JFK-Flughafen festgehalten und nach stundenlangen Befragungen in ein Einwanderungsgefängnis gebracht. Er wurde am nächsten Morgen zurück nach Amsterdam geschickt, einen Tag vor seinem geplanten Auftritt in Massachusetts, ohne eine klare Begründung für die Ablehnung seiner Einreise zu erhalten. CBP erklärte später, Shehada sei die Einreise verweigert worden, weil er bei seinem Interview nicht „wahrheitsgemäß“ gewesen sei. Diese Vorfälle schaffen eine Atmosphäre der Angst und Unsicherheit unter Künstlern.
Die weitreichenden Auswirkungen
Die Schwierigkeiten für internationale Künstler haben weitreichende Konsequenzen. Wenn eine internationale Tournee abgesagt wird, sind nicht nur die Künstler betroffen, sondern auch die Veranstalter, die bereits Marketing betrieben und Tickets verkauft haben. Im Fall von Alaa Shehada beliefen sich die Verluste für seine Produzentin und die Veranstalter auf Zehntausende von Dollar. Jamilla Deria, Exekutivdirektorin des Fine Arts Centers der University of Massachusetts Amherst, betonte den Verlust für die Gemeinschaft, die den Zugang zu vielfältigen Geschichten und Perspektiven aus anderen Teilen der Welt verliert.
Jennifer Roe, Exekutivdirektorin der Folk Alliance International, berichtet, dass viele Künstler Angst haben, in die USA zu kommen, da sie Geschichten von willkürlichen Fragen an der Grenze und der Rücksendung hören, weil sie etwas nicht „richtig“ beantwortet haben. Tracy Francis von Boom Arts sieht sich gezwungen, schwierige Entscheidungen darüber zu treffen, welche internationalen Künstler sie noch sicher einladen kann. Diese Entwicklung führt zu einem stillen Verlust des globalen Kulturaustauschs und einer Verarmung des kulturellen Angebots in den USA.
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